Kooperation
 

 
 

6.3.  Netzwerke

Aber auch diese Formen der Zusammenarbeit reichen häufig nicht aus: Auftraggeber suchen zunehmend nach Komplettangeboten. Sie wollen nicht mehr eigene Arbeitskraft darauf verwenden, zwischen verschiedenen Auftragnehmern zu koordinieren, die Webspace bereitstellen, Werbetexte entwerfen, das Web-Design machen, den E-Shop programmieren usw., sondern suchen nach einem "Generalunternehmer", der ihnen zusagt, zu einem bestimmten Termin den kompletten E-Shop ins Netz zu stellen.

Mit einem solchen Auftrag wäre auch die Studiogemeinschaft der fünf Web-Designerinnen überfordert – und ein Einzelkämpfer sowieso. Wer da nicht gleich einen Apparat mit vielen Angestellten aufbauen möchte, sucht sich weitere Kolleginnen und Kollegen, mit denen er bei Bedarf – also auftragsbezogen – zusammenarbeiten kann.

Solche Beziehungen erfordern Vertrauen und Erfahrung in der praktischen Zusammenarbeit, die sich beide nicht von einem Tag auf den anderen herstellen lassen. Gute E-Lancer pflegen also Kontakte zu Kolleginnen aus anderen Fachgebieten, tauschen sich auch unabhängig von Aufträgen aus, reden miteinander, planen gemeinsame Projekte – um dann im Fall des Falles von einem Tag auf den anderen als eingespieltes Team Aufträge annehmen zu können.

Um so eine temporäre Zusammenarbeit möglichst risikofrei und möglichst wenig aufwendig zu organisieren, gibt es im Prinzip wieder drei Möglichkeiten.

 
6.3.0.1.  Lauter Einzelverträge

Die aus E-Lancer-Sicht einfachste Möglichkeit ist es, dem Kunden Kolleginnen und Kollegen vorzuschlagen, die die anderen Teile des Auftrages übernehmen können, die sich auch untereinander koordinieren – aber jeder für sich einen eigenen Vertrag mit dem Auftraggeber abschließen.

Damit ist jede Auftragnehmerin nur für ihre eigenen Leistung verantwortlich, sie muss nur die eigenen Termine einhalten und haftet nur für eigene Fehler. Auch abrechnungstechnisch und steuerlich ändert sich nichts. Dem Auftraggeber freilich bringt diese Lösung wenig: Er ist immer noch mit einer Vielzahl von Auftragnehmerinnen konfrontiert (was er ja eigentlich vermeiden wollte).

Immerhin ist eine solche Kooperation besser als gar nichts: Gerade unerfahrene Auftraggeber sind häufig dankbar, wenn man ihnen zuverlässige Partner für diejenigen Aufgaben nennen kann, die man nicht selber übernehmen will. Und wenn die Zusammenarbeit eingespielt ist, bekommt der Auftraggeber auch ein besseres Produkt.

 
6.3.0.2.  Subunternehmer

Die zweite Möglichkeit ist, dass die Web-Designerin, an die sich der Auftraggeber ursprünglich gewandt hat, den kompletten Auftrag annimmt und für all die Aufgaben, die sie nicht selbst beherrscht, ihrerseits Aufträge an Dritte vergibt. Diese Werbetexter, Programmiererinnen und Provider stehen dann als "Subunternehmer" in einem Auftragsverhältnis zur Web-Designerin.

Für den Auftraggeber ist das ein sehr angenehmes Modell: Er hat nur eine Ansprechpartnerin, die ihm den E-Shop komplett liefert. Für die Web-Designerin ist dieses Modell schon weniger angenehm als das Vorige: Sie ist dafür verantwortlich, dass die anderen ihre Termine einhalten; sie haftet für sämtliche Fehler und hat die gesamte Koordinierungsarbeit am Hals, die sie von ihrer eigentlichen Arbeit abhält.

Dafür gibt es mit diesem Modell keine Abrechnungsprobleme, solange alles gut geht: Für die Web-Designerin sind die Vergütungen, die die Subunternehmer erhalten, Betriebsausgaben; es wird auch – anders als bei der GbR – keine einheitliche und gesonderte Gewinnfeststellung erforderlich.

Geht es allerdings nicht alles gut, kann es für die Hauptauftragnehmerin unangenehm werden: Ist der Auftraggeber zahlungsunfähig oder weigert er sich aus irgendeinem Grunde zu zahlen, so haben die Subunternehmer trotzdem Anspruch auf ihre Vergütung – sofern sie ihre Leistung ordnungsgemäß erbracht haben. D.h. die Web-Designerin muss im schlimmsten Fall aus eigener Tasche zahlen – sie hat dann nicht nur die eigene Arbeit umsonst gemacht, sondern zahlt richtig kräftig drauf. Handelt es sich bei den Subunternehmern um gute Bekannte, könnte man für diesen Fall vielleicht eine Notfallregelung vereinbaren.

Weitere mögliche Folgen des Subunternehmermodells, die man vorher bedenken sollte, sind:

  • Wer bestimmte Umsatzgrenzen nicht überschreiten möchte, z.B. die 17.500 €, bis zu denen Kleinunternehmer von der Umsatzsteuer befreit sind, oder die 500.000 €, von denen an Gewerbetreibende zur doppelten Buchführung verpflichtet sind, sollte überlegen, ob er sich die Beträge leisten kann, die bei diesem Modell an die Subunternehmer zwar nur "durchgereicht" werden, aber trotzdem als Umsatz zählen.
  • Freiberufler, die in dieser Weise Aufträge an Subunternehmer vergeben, müssen schon eine sehr geschickte Firmenkonstruktion aufbauen, damit ihnen diese (gewerbliche) Tätigkeit nicht den Freiberuflerstatus versaut.
  • Wer Aufträge an künstlerisch oder publizistisch tätige Subunternehmerinnen vergibt, z.B. Texter oder Designerinnen, muss Künstlersozialabgabe an die KSK abführen.

 
6.3.0.3.  Befristete Kooperation (Arbeitsgemeinschaft)

Alternativ bleibt die Möglichkeit, mit den anderen eine gleichberechtigte Partnerschaft einzugehen. Das ist auf den ersten Blick die sauberste und einleuchtendste Möglichkeit – die leider auch den größten Aufwand erfordert.

In diesem Fall würde die Web-Designerin also mit dem Werbetexter und der Programmiererin eine Arbeitsgemeinschaft eingehen: Sie bilden eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts mit dem begrenzten Zweck, den Auftrag "E-Shop" gemeinsam abzuwickeln. Vertragspartner des Auftraggebers ist in diesem Fall die Arbeitsgemeinschaft – also alle drei, die aber vertraglich einer von ihnen Verhandlungs- und Vertragsvollmacht geben können, so dass der Auftraggeber nur eine Ansprechpartnerin hat. Für mögliche Fehler haften alle drei – und zwar jede in voller Höhe, falls die beiden anderen nicht zahlen können. Die Vergütung können sie untereinander aufteilen, wie sie wollen bzw. wie sie das vorher vereinbart haben.

Bei der Bildung einer solchen Arbeitgemeinschaft sollte man sich die gleichen Fragen stellen, wie sie oben schon für die Bürogemeinschaft entwickelt wurden, und möglichst in einem korrekten GbR-Vertrag festhalten. Auch für die Steuer gilt dasselbe: Für eine dauerhafte Arbeitsgemeinschaft besteht Gewerbe- und Umsatzsteuerpflicht; zur Ermittlung des Gewinns ihrer Mitglieder muss sie außerdem eine "gesonderte und einheitliche Gewinnfeststellung" erstellen.

Die Gewerbesteuerpflicht und die Pflicht zur "gesonderten und einheitlichen Gewinnfeststellung" entfallen allerdings, wenn die Arbeitsgemeinschaft nicht auf Dauer gebildet wurde, sondern nur zur Durchführung eines einzigen Werkvertrages (§ 180 Abs. 4 Abgabenordnung). In diesem Fall können Einnahmen und Ausgaben den GbR-Mitgliedern anteilig zugerechnet werden, so wie sie es im GbR-Vertrag vereinbart haben. Und natürlich entfällt die Gewerbesteuerpflicht auch dann, wenn alle Mitglieder Freiberufler sind und die Arbeitsgemeinschaft nur freiberufliche Tätigkeiten durchführt.

 
6.3.0.4.  Verträge

All diese Arten temporärer Kooperationen müssen mit genauen Verträgen geregelt werden, die umso präziser sein sollten, je weniger sich die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft kennen und je seltener sie sich sehen. Hier sollte man durchaus einen "richtigen" Vertrag aufsetzen, der neben den oben angesprochenen Punkten auch Fragen wie Haftung, Kündigungsfristen und Vertragsstrafen enthält. Sicher ist sicher.

 

 

[ Letzte Änderung: 24. Juni 2007]
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