VersicherungenKrankenversicherung
 

 
 

9.2.1.  Gesetzlich oder privat: die Gretchenfrage

Gesetzliche und private Krankenversicherung funktionieren grundlegend verschieden:

Die gesetzlichen Krankenkassen arbeiten nach dem Solidarprinzip. Sie nehmen jeden auf, der die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt; irgendwelche Risiko- oder Alterszuschläge gibt es nicht. Ihre Beiträge sind nach Einkommen gestaffelt; Familienmitglieder ohne eigenes Einkommen sind kostenfrei mitversichert. Trotz unterschiedlicher Beiträge haben alle Mitglieder Anspruch auf die gleichen Leistungen; lediglich das Krankengeld hängt in seiner Höhe vom Beitrag ab.

Wer also viel verdient, zahlt in der Gesetzlichen für die gleichen Leistungen mehr und finanziert so die Leistungen für schlechter Verdienende und große Familien mit. Das ist kein Systemfehler, sondern Absicht, durchgesetzt von der Arbeiterbewegung zu Anfang des letzten Jahrhunderts.

Die privaten Krankenkassen richten ihre Beiträge dagegen allein nach dem individuellen Risiko: Ältere und weibliche Mitglieder zahlen mehr, weil sie häufiger krank bzw. schwanger werden, und eine kostenfreie Familienversicherung gibt es nicht: Für jedes Familienmitglied muss ein eigener Beitrag bezahlt werden. Zudem dürfen private Kassen bei bestimmten Leiden oder Vorerkrankungen Risikozuschläge verlangen oder die Aufnahme ganz verweigern.

Wer also jung, allein stehend, männlich und gesund ist, zahlt in der Privaten lächerlich geringe Beiträge. Wer Kinder kriegt, älter wird, häufiger krank ist und vielleicht sogar weniger verdient, für den können die Beiträge unerträglich hoch werden.

 
9.2.1.1.  Wer darf in welche Kasse?

Am günstigsten führe also, wer sich als junger Selbstständiger in einer privaten Krankenkasse versichert und erst, wenn er eine Familie hat, in die Gesetzliche mit ihren dann günstigeren Tarifen wechselt.

Da dies Verfahren aber das Solidarprinzip der Gesetzlichen ad absurdum führen würde, hat der Gesetzgeber diesen Weg verbaut. Für Selbstständige gilt: Sie dürfen jederzeit von der gesetzlichen in eine private Krankenkasse wechseln. Der umgekehrte Weg ist aber nur ein einziges Mal möglich:

Wer eine selbstständige Tätigkeit neu aufnimmt und vorher gesetzlich versichert war (auch über die Familienversicherung der Eltern, die studentische Krankenversicherung oder die Arbeitsagentur), hat exakt drei Monate ab dem Ende dieser Versicherung Zeit, sich für eine freiwillige Weiterversicherung in der gesetzlichen Krankenversicherung zu entscheiden. Versäumt er diese Frist, so kann er als Selbstständiger nie und unter keinen Umständen wieder in die gesetzliche Krankenversicherung zurück. Nicht einmal als Rentner.

Pflichtversichert sind von den Selbstständigen im IT-Bereich allerdings diejenigen, die eine künstlerische oder publizistische Tätigkeit ausüben: Sie werden über die Künstlersozialkasse versichert, die den gewaltigen Vorteil hat, dass sie – wie ein Arbeitgeber – die Hälfte des Beitrags übernimmt. Ob sie dort in eine gesetzliche oder private Krankenkasse gehen, dürfen sie sich aussuchen.

 
9.2.1.2.  Was ist günstiger?

Als grobe Faustregel lässt sich sagen: Die private Krankenversicherung ist günstiger für junge Leute, die schon ein gutes Einkommen, aber noch keine Familie haben. Sie können gegenüber der Gesetzlichen (vorerst) durchaus einen vierstelligen Eurobetrag im Jahr sparen.

Die gesetzliche Krankenversicherung wird umso günstiger, je geringer das Einkommen, je höher das (Eintritts-)Alter und je größer die Familie ist. Für eine Familie mit nur einem Verdiener und zwei Kindern kostet die Gesetzliche bei vergleichbarer Leistung in jeder Altersstufe weniger.

Die Privaten wiederum bieten die Chance, die versicherten Leistungen den individuellen Bedürfnissen anzupassen und so den Beitrag durch Verzicht auf bestimmte Leistungen (z.B. Kuren oder auch ambulante Behandlung) sowie durch Selbstbeteiligung an den Krankheitskosten zu senken. So ein Weg kann, wenn man Pech hat, freilich auch teurer werden.

Wer sich entscheiden muss, sollte keinesfalls nur auf die augenblickliche Beitragshöhe schauen. Zu berücksichtigen ist:

  • Die Beispielrechnungen in den Prospekten der Privaten beziehen sich nicht deshalb immer auf junge Leute, weil ihnen die Jugend so sehr am Herz liegt, sondern weil die Beiträge mit dem Eintrittsalter rapide steigen. Wer erst mit 56 Jahren einer privaten Kasse beitritt, zahlt oft das Dreifache wie sein 25jähriger Kollege.
  • Aus demselben Grund kommen Frauen in den Beispielrechnungen so selten vor: Ihre Beiträge liegen bis zu 60 Prozent über denen der Männer.
  • Wer nach Abschluss einer privaten Krankenversicherung heiratet oder Kinder bekommt, muss für jedes mitzuversichernde Familienmitglied zusätzlich einen vollen Beitrag zahlen. Auch für das Krankengeld und das Mutterschaftsgeld, das bei der Gesetzlichen im Standardbeitrag enthalten ist, muss man bei den Privaten extra zahlen. Ein Krankengeld zur Pflege kranker Kinder ist dort überhaupt nicht zu haben.
  • Die Beiträge sind unabhängig vom Einkommen zu zahlen, also auch, wenn die Versicherte mal ein Urlaubsjahr ohne Einkommen einlegen möchte oder wenn ihr Umsatz zusammenbricht. In der gesetzlichen Versicherung kann sie in diesem Fall ihren Beitrag senken – bei einer Versicherung über die Künstlersozialkasse sogar drastisch.
  • Dramatisch können die Unterschiede im Rentenalter werden. Eine Garantie auf stabile Beiträge bei den privaten Kassen gibt es nicht. Oft werden heftige Beitragserhöhungen dadurch erzwungen, dass die Krankenkasse unrentabel gewordene Tarifgruppen einfach "schließt" und durch neue, teurere Leistungspakete ersetzt.
  • Die Entscheidung für die private Krankenversicherung ist eine Entscheidung fürs Leben. Wer sich einmal für die private Versicherung entscheidet, kommt als Selbstständiger nie wieder in die gesetzliche Krankenversicherung zurück – auch wenn sein Einkommen unter den Sozialhilfesatz gesunken und der Krankenkassenbeitrag darüber gestiegen ist. Auch der Trick, sich kurz vor der Rente noch einmal anstellen zu lassen und so in die Gesetzliche zurück zu können, funktioniert nicht mehr: Die Grenze liegt inzwischen bei 55 Jahren. Wenn dann noch in einer privaten Kasse ist, darf auch als Angestellter nicht mehr zurück.

Überlegen sollte man schließlich, ob die mögliche Beitragsersparnis es wert ist, sich vom Solidarprinzip der gesetzlichen Krankenversicherung abzuwenden, das durch die diversen Reformen im Gesundheitswesen schon genug ausgehöhlt ist.

 

 

[ Letzte Änderung: 1. Januar 2005]
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